Kann eine Bandage die Muskeln schwächen?

Eine der häufigsten Fragen von Verbrauchern, aber auch von Physiotherapeuten lautet: "Schwächt eine Bandage oder Orthese die Muskulatur?“ Für viele Menschen mit Erkrankungen der Gelenke und der, diese umgebenden, Muskeln und Bänder ist es hilfreich, dass ihre Bandage/ Orthese das Gelenk entlastet, führt und/ stabilisiert. Das schont darüber hinaus aber auch die Bänder und die Muskulatur, indem sie einen Teil derer Funktionen übernimmt. Daraus folgt aber nicht etwa eine Entspannungswirkung, die die Muskulatur schwächen würde. Vielmehr wird das Gelenk in seiner natürlichen Funktion unterstützt und bleibt so weitgehend beweglich - was den Muskeln ermöglich normal zu arbeiten und nicht substantiell abzubauen - wie es etwa durch eine Immobilisierung des Gelenks geschähe. Eine Bandage/ Orthese hilft also, einem drohenden Muskelabbau durch Ruhigstellen und übermäßige Schonung vorzubeugen und so zu einer nachhaltigen Genesung beizutragen.

Einige, spezielle Orthesen stellen das betroffene Gelenk ruhig oder schränken eine bestimmte Bewegung ein, um dessen Heilung zu ermöglichen. Ein gutes Beispiel dafür ist eine Handgelenk-Schiene mit einer oder mehreren, integrierten Aluminium-Streben. Im Gegensatz zu einem Gipsverband wird diese Schiene jedoch niemals 24 Stunden und sieben Tage die Woche getragen, so dass kein nennenswerter Muskelschwund entstehen kann. Dennoch ist eine entsprechende Bewegungstherapie und/ oder Physiotherapie nach Verwendung einer Bandage/ Orthese und in Absprache mit Ihrem/ er behandelnden Arzt/ Ärztin, fast immer ratsam.

Nachfolgend finden Sie eine Reihe von Informationen zur Funktionsweise von Muskeln unter Verwendung von Bandagen und Orthesen. Darüber hinaus erläutern wir unterschiedliche Arten von Bandagen und geben Tipps und Ratschläge zur gezielten Verwendung einer Bandage oder Orthese.

Wie sind unsere Muskeln aufgebaut?

Jeder Muskel besteht aus Muskelbündeln, die aus Muskelfasern bestehen, die sich wiederum aus Myofibrillen zusammensetzen. Jede Myofibrille besteht ihrerseits aus einer Reihe von Sakromeren. Hier findet das Zusammenziehen oder Dehnen der Muskulatur statt, weshalb die Sakromere auch als motorische Einheiten der Muskeln bezeichnet werden. Für sie gelten zwei Grundprinzipien: Je mehr Sakromer nebeneinander, desto stärker ist der Muskel, je mehr Sakromer nacheinander, desto länger ist der Muskel.

 

Dabei gilt für Muskelgewebe folgende Regel: „Wenn Sie es nicht verwenden, verlieren Sie es“. Das heißt, dass eine Immobilisierung zwangsläufig den Abbau von Sakromeren in der Länge- oder Breite zur Folge hat, was nach einer längerfristigen Immobilisierung auch an der schwindenden Dicke, bzw. Länge des Muskels sichtbar wird.

Warum Muskeltraining und Bewegung auch bei Beschwerden wichtig ist.

Gut ausgebildete, funktionale Muskeln und Bänder sind für die Kontrolle unserer Gelenke von großer Bedeutung. Schließlich steuern, lenken und stabilisieren die Muskeln unsere Gelenke und deren natürliche Bewegungen. Nehmen wir einmal das Knie. Es besitzt Muskeln und Bänder, die für Stabilität und Führung sorgen. Diese sind aber auch verletzlich. So sind beispielsweise gerissene Kreuzbänder eine der häufigsten Knieverletzungen überhaupt. Bei dieser Verletzung verliert das Knie seine interne Stabilität. Egal ob Sie sich für die Behandlung für eine Operation oder den Einsatz einer stabilisierenden Knie-Bandage entscheiden - in beiden Fällen ist es notwendig, die Muskeln gezielt und kontrolliert zu trainieren. Sind beispielsweise der Knie-Strecker und der -Beuger richtig gut trainiert, können sie die kontrollierende Stabilisierung durch das Kreuzband partiell übernehmen. Natürlich kann ein Muskel nie eine vergleichbare Stabilität erreichen, ist aber dennoch in der Lage eine wichtige Rolle nach einer Operation oder bei Verwendung einer Kniestütze spielen.

Weil Bewegung im Rahmen eines solchen Muskel-Trainings aber oft schmerzt, wird es von vielen Menschen vermieden sich gezielt zu bewegen, was eine nachhaltige Heilung leider vielfach erschwert. Ebenso wichtig ist aber auch, dass Sie Ihr Gelenk während des Trainings nicht überlasten, was für viele Menschen eine schwierige Gratwanderung darstellt und darum die Unterstützung und Anleitung durch einen erfahrenen Physiotherapeuten oder Arzt erfordert.

Warum eine Bandage/ Orthese die Muskeln nicht inaktiviert

Bandagen/ Orthesen wirken auf unterschiedliche Weise positiv:

  1. Kompression/ Druck

Eine Kompressionsorthese verhindert Schwellungen und sorgt für eine verbesserte Durchblutung. Sie erhöht auch die bewusste Wahrnehmung der Gelenkaktivität, auch Propriozeption genannt. Das unterstützt einen nachhaltigen Genesungsprozess nach Verletzungen und die Erholung nach Überlastungen. Klicken Sie hier (aktiven Link einfügen), für weiterführende Informationen zum Thema Kompressionsorthesen.

  1. Unterstützend

In die Orthese oder Bandage eingearbeitete Polster, regulierbare Riegel und Bänder, Schienen und Gelenke sorgen für optimalen Sitz, üben gezielt Druck aus, unterstützen den natürlichen Bewegungsablauf und entlasten Ihr Gelenk. Untersuchungen haben gezeigt, dass eine Orthese/ Bandage die Aktivität bestimmter Muskelgruppen damit sogar positiv beeinflusst.

  1. Immobilisieren

In einigen Fällen ist es unvermeidlich ein erkranktes oder verletztes Gelenk vorübergehend zu immobilisieren. Die dafür eingesetzten, speziellen Orthesen werden unmittelbar nach akuten Verletzungen oder Entzündungen genutzt und sorgen für eine Ruhigstellung oder Bewegungseingrenzung des betroffenen Gelenks, damit sich dieses erholen kann. Zumeist wird das Gelenk aber nicht vollständig immobilisiert und nur in wenigen, schweren Fällen wird eine vollständige Ruhigstellung empfohlen, um einer Schwächung der umgebenden Muskulatur vorzubeugen. Als zusätzliche Maßnahme zur Unterstützung einer nachhaltigen Genesung empfehlen wir stets die Kombination einer Orthese/ Bandage mit einer physiotherapeutischen Behandlung.

Stellen Sie bei der Verwendung einer Orthese/ Bandage Folgendes sicher:

  • Tragen Sie 24 Stunden am Tag keine immobilisierende Orthese/ Bandage.
  • Lassen Sie sich nach einer Verletzung, vor der Wiederaufnahme von körperlichen/ sportlichen Aktivitäten von Ihrem/ Ihrer Ärztin oder Physiotherapeuten/In beraten und sich ein entsprechendes Bewegungsprogramm erstellen.
  • Bewegen Sie sich, nach Absprache mit Ihrem Arzt oder Physiotherapeuten täglich und konsequent im Rahmen der empfohlenen, kontrollierten Übungen.

Wie kann Ihnen ein Physiotherapeut helfen?

Ein Physiotherapeut kann sie dabei unterstützen sich bewusst zu bewegen, indem er Ihnen, die für Ihren Heilungsprozess optimalen Übungen empfiehlt und Sie berät, wie sie diese zu Hause und in Ihrem eigenen Tempo durchführen können. Er kann Ihnen darüber hinaus Ratschläge bei der Auswahl der richtigen Orthese/ Bandage geben und hinsichtlich der Bestimmung der für Sie richtigen Größe helfen.

Nachfolgend haben wir einige Fachbereiche innerhalb der Physiotherapie zusammengestellt, die Ihnen helfen sollen, den/ die für Sie richtige/ n Spezialisten/ In auszuwählen:

- Sportphysiotherapie: Ein/ e Sportphysiotherapeut/ In konzentriert sich auf Patienten/ Innen, die nach einer Erkrankung oder Verletzung wieder mit dem Sport beginnen möchten. Er/ sie hilft Ihnen beim gezielten Wiederaufbau Ihrer Muskulatur, damit Sie wieder sicher und ohne Fehlbelastungen trainieren können.

- Manuelle Therapie: Dieser Zweig der Physiotherapie befasst sich schwerpunktmäßig mit der Wirbelsäule und der Haltung des/ der Patienten/ In. Der manuelle Therapeut analysiert Ihre Haltung und versucht, sie dahingehend zu verbessern, dass Beschwerden im Zusammenhang mit der Haltung abnehmen oder verschwinden.

- Beckenphysiotherapie: Nicht nur Schwangere, sondern auch Männer und Kinder können an Beckenproblemen leiden. Der/ die Beckenphysiotherapeut/ In ist auf dieses Gebiet spezialisiert und erarbeitet in Abstimmung mit Ihnen ein entsprechendes Trainingsprogramm zur Linderung oder Beseitigung Ihrer Beschwerden.

- Arbeitsphysiotherapie: Dieser Therapeut ist auf Beschwerden spezialisiert, die sich aus den unterschiedlichsten, beruflichen Belastungen ergeben. Darüber hinaus hilft er Ihnen bei der Wiedereingliederung in einen normalen Arbeitsalltag und berät Sie präventiv , um erneute Überlastungen bestmöglich zu vermeiden.

- Kinderphysiotherapie: Der Körper von Kindern ist noch nicht vollständig entwickelt, daher ist es wichtig, dass sich ein Kind richtig bewegen kann, damit sich seine körperlichen Fähigkeiten voll entfalten können. Kinderphysiotherapeuten/ Innen sind Experten/ Innen auf dem Gebiet von Bewegungsproblemen oder Entwicklungsverzögerungen bei Kindern und deren Behandlung.

- Geriatrische Physiotherapie: Ältere Menschen leiden häufiger an Gelenkbeschwerden, was in den meisten Fällen entweder auf altersbedingten Gelenkverschleiß oder auf Bewegungsmangel zurückzuführen ist. Ein/ e geriatrische/r Physiotherapeut/ In ist Spezialist/ In auf diesem Gebiet und hilft Ihnen dabei, Ihre Beschwerden, wo möglich, durch gezielte Bewegungstherapie zu lindern und berät Sie darüber hinaus bei der Auswahl der richtigen Orthese/ Bandage.

Was können Sie selber tun?

Natürlich ist es immer ratsam, Ihre Beschwerden und deren Behandlung mit einem Therapeuten oder Arzt zu besprechen. Es gibt auch Dinge, die Sie selbst tun können, um Ihre Muskelkraft bestmöglich aufrechtzuerhalten. Zuallererst ist es wichtig, bewusst in Bewegung zu bleiben und nachlassende Bereiche Ihrer Muskulatur gezielt zu stärken. In der ersten Genesungsphase, die in den meisten Fällen noch mit Schmerzen einhergeht, reicht es in der Regel aus, ein paar Mal am Tag im Haus umherzugehen. Wenn Sie feststellen, dass dies weitgehend schmerzfrei verläuft, können Sie die Belastung steigern und beginnen spazieren zu gehen. Seien Sie aber vorsichtig dabei und steigern Sie Ihr Pensum langsam. Viele Menschen werden in dieser Phase übermütig und bemerken erst zu Hause, dass Sie etwas zu weit gegangen sind und sich und ihren Bewegungsapparat überanstrengt haben.

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